Heute möchte ich einmal etwas anderes vorstellen als ein abgegangenes Gebäude, nämlich ein verschwundenes Gewässer. Viele Menschen aus Backnang und Umgebung fragen sich, warum es bei Cottenweiler eine Seemühle gibt. Doch wo soll der dazugehörige See gewesen sein?
Tatsächlich befand sich hier einst der sogenannte Weissacher See. Dieser verschwand um das Jahr 1660 infolge der Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Das ehemalige Seebecken verwandelte sich nach und nach in Weideland und ein ausgedehntes Sumpfgebiet. Erst im Jahr 1932 wurde das Gebiet „Seegut“ durch den Freiwilligen Arbeitsdienst entwässert. Dazu grub man zahlreiche Entwässerungsgräben, die das Wasser ableiteten und die Fläche wieder landwirtschaftlich nutzbar machten.
Doch wie entstand dieser See und welchem Zweck diente er?
Der genaue Zeitpunkt seiner Anlage ist nicht bekannt. Historische Quellen deuten jedoch darauf hin, dass der See bereits um das Jahr 1231 bestand. In einer Urkunde aus dieser Zeit wird berichtet, dass Markgraf Hermann V. von Baden (um 1180–1243) einen Damm aufschütten ließ und die Weißach sowie den Gruppenbach aufstaute. Dadurch wurden große Wiesenflächen überflutet und ein künstlicher See geschaffen. Das Gewässer wurde in den historischen Quellen sowohl als „Weissacher See“ als auch als „Kottenwyler See“ bezeichnet.
Die Anlage des Sees führte allerdings zu einem Konflikt mit den Augustiner-Chorherren des Backnanger Stifts, die ebenfalls Rechte an dem überfluteten Gebiet beanspruchten. Im Jahr 1231 kam es schließlich zu einer Einigung: Als Entschädigung für den Verlust ihrer Rechte erhielten die Chorherren das Patronatsrecht über die Kirche in Lendsiedel sowie das Eigentum an einer Mühle bei Reichenberg.
Der Weissacher See war mit rund 30 Hektar beziehungsweise etwa 90 Morgen für damalige Verhältnisse beachtlich groß, zugleich aber nur relativ flach. Seine wichtigste Funktion war die Fischzucht, insbesondere die Haltung von Karpfen, die als wertvolle Fastenspeise galten. Daneben dürfte der See auch zur herrschaftlichen Versorgung und als wirtschaftlicher Faktor von Bedeutung gewesen sein.
Mit der Reformation verlor die Fischzucht einen Teil ihrer früheren Bedeutung. Dennoch besaß der See im Jahr 1624 noch immer eine Fläche von mehr als 90 Morgen.
Damit der See nicht versumpfte, waren die Bauern der umliegenden Orte zu Frondiensten verpflichtet. Sie mussten die Uferbereiche pflegen, Gehölze zurückschneiden und Verlandungen beseitigen. Nur durch diese regelmäßigen Arbeiten konnte das Gewässer über Jahrhunderte hinweg erhalten werden.
Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Weissacher Tal schwer verwüstet. Ein besonders tragisches Ereignis ist aus dem Jahr 1634 überliefert: Am 16. November wurde Hans Schal, ein Bodenknecht des Seemüllers, von Soldaten auf „mörderische Weise“ erstochen.
Durch den kriegsbedingten Mangel an Arbeitskräften konnten die notwendigen Pflegearbeiten am See kaum noch ausgeführt werden. Das Gewässer verlandete daher zunehmend. In den 1660er-Jahren ließ der Herzog von Württemberg die verbliebenen Reste schließlich trockenlegen und in Wiesen umwandeln.
Heute erinnert nur noch wenig an den einstigen See. Lediglich der ehemalige Damm ist erhalten geblieben. Auf ihm verläuft heute die Straße zwischen der Seemühle und dem Aichholzhof.
Die Seemühle
Die dort noch stehende Seemühle blickt auf eine lange Geschichte zurück und wurde bereits 1245 erstmals urkundlich erwähnt. Sie entstand am Ufer des damaligen Weissacher Sees. Dieser See war zuvor von Markgraf Hermann V. von Baden angelegt worden. Vermutlich hatte der Markgraf auch den Bau einer Mühle vorgesehen, konnte dieses Vorhaben wegen des Konflikts mit den Backnanger Chorherren jedoch nicht mehr verwirklichen.
Nach seinem Tod im Jahr 1243 nahmen die Chorherren das Projekt wieder auf. Die Mühle soll noch im selben Jahr fertiggestellt worden sein. In einer päpstlichen Urkunde aus dem Jahr 1245 erscheint sie schließlich erstmals schriftlich. Papst Innozenz IV. stellte das Backnanger Augustiner-Chorherrenstift damals unter seinen Schutz und bestätigte dessen Besitzungen, Rechte und Privilegien. Unter den aufgeführten Gütern findet sich auch die Formulierung „Wissach inferius et superius cum molendino“, also „Unterweissach und Oberweissach mit der Mühle“.
Die Seemühle blieb jedoch nicht dauerhaft im Besitz des Backnanger Stifts. Im Jahr 1304 gelangte sie als Bestandteil der Herrschaft Reichenberg an die Grafen von Württemberg.
Im Jahr 1595 verfügte die Seemühle über drei Wasserräder, die mehrere Mahlgänge sowie einen Gerbgang antrieben. Nach einer mutmaßlichen Zerstörung durch Hochwasser wurde die Mühle wieder aufgebaut und von Hannß Heinrich Müller betrieben, der dafür Pacht an den Herzog von Württemberg entrichtete.
Im Jahr 1743 wurde die Seemühle von Grund auf neu errichtet. Zu dieser Zeit waren Theodor Friedrich Engel als Amtmann und Georg Christoph Küentzlen als Unterweissacher Schultheiß und Mühlmeister tätig. An den Wiederaufbau erinnert bis heute ein eingemauerter Gedenkstein. Seine Inschrift lautet:
„In Gottes Nahmen An(n)o 1743. (Ist) diese Mühl vom Grund auff wider Neu erbaut worden. Der Zeit ware(n) (Amtm)an Herr Theodorus Friderich Engel. (Mü)hlmeister Georg Christoph Küentzlen Schult(heiß).“
Der Gedenkstein ist auf seiner linken Seite beschädigt.
Im 19. Jahrhundert gehörten zudem Stallungen, eine Scheune und ein Wagenschuppen zum Anwesen, wodurch die Seemühle den Charakter eines stattlichen Gehöfts erhielt. Der Müller zählte damals zu den wohlhabendsten Einwohnern des Ortes und war nach zwei Wirten der drittgrößte Steuerzahler.
Mit der Gemeindereform von 1971 wurde die Seemühle Bestandteil der neu gebildeten Gemeinde Weissach im Tal. Im Jahr 1986 wurde der Betrieb vollautomatisiert und auf elektrischen Antrieb umgestellt. Bis heute ist die Seemühle die einzige Mühle im Weissacher Tal, die noch gewerblich betrieben wird.
In der Kieserschen Ortsansicht aus der Zeit zwischen 1680 und 1690 ist die Seemühle bereits ohne den See dargestellt. Die Ansicht blickt von Norden nach Süden.



Ich habe das historische Bild mit einer Karte zusammengeführt, um die dargestellten Gegebenheiten besser einordnen zu können. Dabei ist zu beachten, dass das Bild, anders als die Karte, nicht nach Norden ausgerichtet ist. Die Nordrichtung wird stattdessen durch den Pfeil in der dargestellten „Uhr“ (auch Windrose genannt) angezeigt.
Bei der Überlagerung habe ich versucht, die Gewässerverläufe sowie die Mühle so aufeinander abzustimmen, dass sie möglichst gut mit der heutigen Topografie übereinstimmen. Vermutlich ist das auf der rechten Seite des Originalbildes dargestellte Cottenweiler zu erkennen. Dessen Lage würde ich im Bereich der heutigen Seegutstraße beziehungsweise Seestraße vermuten. Die Mühle befände sich demnach links oben im Bild.
Rechts vereinigen sich die Weißach und der Wartenbach, während der Gruppenbach von Süden her zufließt. Natürlich bleibt diese Zuordnung ein Stück weit Interpretationssache. Dennoch fügt sie sich erstaunlich gut in die geografischen Gegebenheiten ein und erscheint daher durchaus plausibel.
Folgt man dieser Deutung, so liegt das heutige Bildungszentrum Weissacher Tal nahezu vollständig im Bereich des einstigen, inzwischen verschwundenen Sees. Der eine oder andere mag sich nun vielleicht darüber ärgern, dass sein Grundstück damit rückblickend keinen Seeblick mehr besitzt.
Vor Ort heute ist der Damm noch gut zu sehen.

Quellen: Wikimedia, LEO-BW, Landesarchiv-BW, 750 Jahre Cottenweiler Artikel, Wikipedia
Entdecke mehr von Vicus Murrensis
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.