Weinbau, Kirchberg an der Murr

Der Weinbau spielte im Mittelalter im Murrtal eine bedeutende wirtschaftliche Rolle sowohl in Kirchberg an der Murr als auch in Burgstall Die südexponierten Hänge oberhalb der Murr boten gute Bedingungen für den Anbau, sodass der Weinbau über Jahrhunderte zu einer wichtigen Erwerbsquelle der örtlichen Bevölkerung gehörte.

In der Württembergischen Oberamtsbeschreibung von 1866 steht dazu

Der Weinbau wird mit wenigen Ausnahmen an den Thalabhängen in der üblichen Weise der Umgegend betrieben; man bezieht die Reben, von denen 2800 Stöcke auf einen Morgen zu stehen kommen, den Winter über. Zum Anbau kommen vorzugsweise Silvaner, Drollinger und Elblinge; einzelne Bürger pflegen auch edlere Sorten, wie weiße Rißlinge, Klevner etc. Die besten Lagen sind: Pälmen, Klingen, Halden, Lerchenberg, Eichhalden und Abstätter. Die erzeugten Weine sind gut, lagerhaft, und da theilweise ausgelesen wird, meist von rother und weißer Farbe. Der höchste Ertrag eines Morgens war bis jetzt 10 Eimer und die höchsten Preise eines Eimers in den Jahren 1846 und 1857 68 fl., im Jahr 1865 80 fl. und der Durchschnittspreis 77 fl.; der niederste Preis aber im Jahr 1849 12 fl. Die Preise der Weinberge sind sehr verschieden und bewegen sich von 100–800 fl. Der Absatz des Weins geht in die nächst gelegenen Städte, zuweilen auch in den Schwarzwald.

Diese Hinweise zeigen deutlich, dass die Region zwischen Kirchberg und Burgstall schon früh ein geschätztes Weinbaugebiet war. Noch heute wird im Bereich der sogenannten „Schweißbrücke“ Wein angebaut – ein Zeugnis der Tradition, die sich hier erhalten hat. Die erste urkundliche Erwähnung des Weinbaus stammt bereits aus dem Jahr 1247 und belegt, dass der Rebbau im Murrtal schon im Hochmittelalter fest verankert war. In Kirchberg wie auch in Burgstall finden sich zudem viele alte Gebäude mit eingearbeiteten Weinkellern, die auf eine jahrhundertelange Nutzung hinweisen. Einige dieser Häuser lassen sich eindeutig früheren Weinbauern zuordnen, etwa das Anwesen in der Hauptstraße 29, dessen Bauzeit in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts fällt und das bis heute Spuren seiner weinbaulichen Vergangenheit trägt.

Auch zwei Keltern sind bis heute in Kirchberg erhalten.

Auch die ehemaligen Weinberge zwischen Kirchberg und Burgstall sind noch heute sichtbar – wenn auch versteckt, überwuchert und längst vom Wald zurückerobert. In den Lidarkarten treten ihre charakteristischen Terrassen jedoch deutlich hervor und zeigen erstmals das tatsächliche Ausmaß des historischen Weinbaus, der sich nahezu durchgängig entlang des gesamten Hanges zwischen beiden Orten zog.

Wer den Hang zu Fuß erkundet, stößt überall auf Spuren dieser Vergangenheit: unzählige, teils erstaunlich gut erhaltene Trockenmauern, andere bereits eingestürzt und von Moos überzogen. An vielen Stellen lassen sich sogar unterschiedliche Bauweisen erkennen, die auf verschiedene Epochen zurückgehen. Manche Mauern bestehen aus großen, sorgfältig gesetzten Steinen, während andere lediglich aus aufgeschichteten Bruchsteinen bestehen – stille Zeugnisse einer jahrhundertelangen Bewirtschaftung, die das Landschaftsbild nachhaltig geprägt hat.

Der Weinbau geriet gegen Ende des 19. Jahrhunderts in eine schwere Krise. Die Reblaus und andere Schädlinge breiteten sich im gesamten Murrtal aus und zwangen die Winzer dazu, befallene Rebstöcke herauszureißen und sofort zu verbrennen – ein drastischer, aber notwendiger Schritt, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Gleichzeitig gewann der Obstbau zunehmend an Bedeutung. Vorzugsweise wurden Mostobstsorten angebaut, daneben Kirschen und Zwetschgen; selbst Pfirsich- und Walnussbäume gediehen in dieser Zeit hervorragend.

Mit dem neuen Bahnanschluss änderte sich zudem das Konsumverhalten: Gekühltes Bier und Kaffee wurden für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich und leicht verfügbar. Diese neuen Getränke verdrängten den lokalen Wein zunehmend aus dem Alltag. In der Folge nahm der Weinbau stetig ab und verlor nach und nach seine einst prägende Rolle in der Region. Der erste Weltkrieg und der darauf folgende Arbeitermangel sorgte für den Rest.

Quellen: Denkmalpflege BW, Wikipedia, Wikisource


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