Römische Siedlung, Steinheim an der Murr (Stadtgebiet)

Einführung

Im Bereich der heutigen Stadt Steinheim an der Murr (Landkreis Ludwigsburg) bestand einst eine lebhafte römische Besiedlung. Archäologische Funde belegen, dass hier nicht nur ein großzügig angelegtes Badegebäude existierte, sondern auch mehrere Wohn- und Nutzbauten sowie Infrastruktur, darunter Straßen, Werkstätten und Heizsysteme. Leider sind all diese Zeugnisse der Antike heute durch die moderne Bebauung der Innenstadt überlagert und im Stadtbild nicht mehr sichtbar. Alle Hinweise und Angaben habe ich aus der Doktorarbeit von Dr. Michael Wagschal entnommen.

Ein detaillierter Grabungsbericht ist hier zu finden: https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/6674/1/Hamm_Roemische_und_mittelalterliche_Siedlungsbefunde_in_Steinheim_2025.pdf

Kloster Mariental – Römisches Badegebäude

Die Ausgrabungen im Bereich des ehemaligen Klosters Mariental in Steinheim an der Murr brachten zwischen 1982 und 1986 überraschend gut erhaltene Reste eines römischen Badegebäudes zutage. Die Anlage befand sich östlich der Bottwar auf einer flachen Talaue und war Teil einer villa rustica. Sie wurde in mehreren Bauphasen errichtet und später umgebaut. Die Befunde geben einen detaillierten Einblick in die Architektur, Ausstattung und Nutzung der Räume.

Hauptgebäude – Badeanlage

Das zentrale Gebäude erstreckte sich über eine Fläche von etwa 19 × 29 Metern und war in Ost-West-Richtung ausgerichtet. Es bestand aus mehreren Räumen mit zweischalig gesetztem Mauerwerk aus Kalkbruchstein, teils mit eingelagerten Plattenziegeln (opus mixtum). Die Innen- und Außenwände waren verputzt. Die Estrichböden lagen auf einer Schüttung aus grobem Kalkbruchstein und waren aus kalkhaltigem Mörtel mit Ziegelmehl und Stroh gefertigt.

Raum 1 und 2 bildeten den westlichen Zugang zur Anlage. Raum 2 öffnete sich zur Apsis(Eine Apsis ist ein halbkreisförmiger oder polygonaler Raumabschluss, der meist als architektonisch hervorgehobene Nische in Sakral- oder römischen Gebäuden dient und oft den Altarraum oder ein Becken umfasst.) 3, einem halbrunden, abgesenkten Becken, das vermutlich als Kaltwasserbecken diente. Die Wände der Apsis waren mit ziegel-splithaltigem Kalkmörtel verputzt, der Boden lag auf einer groben Steinpackung. Hypokaustpfeiler (Wärmeleitende Pfeiler) waren hier nicht nachweisbar.

Raum 4 schloss nördlich an Raum 2 an und zeigte Reste eines sorgfältig geglätteten Estrichs. Der Höhenunterschied zum angrenzenden Raum lässt auf eine Hypokaustheizung schließen.

Raum 5 bis 7 lagen im östlichen, höher gelegenen Gebäudeteil. Raum 5 war vollständig erhalten, jedoch ohne Tür- oder Fensteröffnungen. Raum 6 war ähnlich dimensioniert, aber nicht vollständig freigelegt. Raum 7 wies eine vermauerte Türöffnung mit Sandsteingewänden auf, die vermutlich zu einer hölzernen Treppe führte. Dieser Raum war später Teil einer gepflasterten Durchfahrt unter freiem Himmel.

Raum 8 war der größte Raum im östlichen Gebäudeteil. Seine Westmauer war bis zu 1,25 m hoch erhalten. Der Estrich war besonders hart und mit rotem Ziegelmehl eingefärbt. Die Wand zeigte einen zweischichtigen Verputz mit feinem Kalkmörtel und roter Bemalung.

Außenbereich und Nebengebäude

Im Norden und Süden des Gebäudes wurden Pflasterungen aus Kalkbruchstein, Ziegelfragmenten und Flussgeröll entdeckt. Diese waren mehrfach erneuert und teilweise mit Kulturschichten überlagert. Eine große rechteckige Grube (7,30 × 2,65 m) im Südwesten des Bades wurde später mit lehmigen Planierungen verfüllt. Ihre Funktion bleibt unklar.

Weitere Mauern, deren Zuordnung zum Bad nicht eindeutig ist, wurden westlich des Gebäudes an einer Geländekante zur Bottwar gefunden. Es handelte sich um eine zweischalig gemörtelte Kalkbruchsteinmauer.

Baumaterialfunde

In den Abbruchschichten fanden sich zahlreiche Fragmente, die Rückschlüsse auf die Ausstattung und Technik der Anlage erlauben:

  • Mauerwerk: Kalkbruchsteine, Sandsteinquader
  • Heizung: Hypokaustziegel (rund), quadratische Deckplatten, Tubuli mit verschiedenen Öffnungen
  • Estrich: Grob gemagerter Kalkmörtel mit Ziegelbruch, Steingrus und Stroh
  • Dach: Leistenziegel (tegulae), Hohlziegel (imbrices), Firstziegel
  • Verputz: Ziegelmehlhaltiger Wandputz, teils rot bemalt

Rekonstruktion und Nutzung

Die Anlage war ursprünglich als römisches Bad konzipiert, mit Kaltwasserbecken und beheizten Räumen. In einer späteren Bauphase wurden einzelne Räume umgestaltet, darunter die Umwandlung von Raum 8 in eine Durchfahrt und der Ersatz der südlichen Apsis durch eine neue im Norden. Die Kulturschichten und Umbauten belegen eine Nutzung bis in die hochmittelalterliche Zeit, möglicherweise durch den angrenzenden Grafenhof.

Die Ausgrabungen zeigen, wie sich römische Infrastruktur und mittelalterliche Nutzung überlagerten. Die Funde sind heute teilweise im Museum zur Kloster- und Stadtgeschichte Steinheims sichtbar.

Steinheim an der Murr, Kohlers Eck

Im Jahr 1969 wurde im Kreuzungsbereich der Kleinbottwarer Straße und der Marktstraße in Steinheim – dem sogenannten „Kohlers Eck“ – bei Bauarbeiten eine römische Siedlungsstelle entdeckt. Die Fundstelle liegt zwischen den Häusern Nr. 44 und 46 und wurde nur kleinflächig freigelegt. Dennoch konnten bedeutende archäologische Befunde dokumentiert werden, die auf eine gut ausgestattete römische Wohn- oder Nutzstruktur hindeuten.

Gebäude und Baustruktur

Im Zentrum der Grabung befand sich ein rechteckiger Raum mit den Maßen 8,1 × 7,2 m, orientiert in nordost-südwestlicher Richtung. An der Südseite schloss ein Mauerzug an, der geradlinig nach Südwesten weiterführte. Alle Mauern waren zweischalig aufgebaut und bestanden aus sorgfältig bearbeiteten Kalkbruchsteinen in Mörtelbindung – ein typisches Merkmal römischer Bauweise.

Vom ursprünglichen Fußboden konnten Reste eines 7–8 cm starken Estrichs dokumentiert werden. Besonders bemerkenswert war der Fund zweier Ziegelplatten, die auf das Vorhandensein einer Hypokaustheizung hindeuten. Entlang der südöstlichen Gebäudeseite verlief eine etwa 0,9 m breite Abdichtung, die vermutlich zur Feuchtigkeitsregulierung diente.

Etwa drei Meter südöstlich des Gebäudes wurde in der Baugrubenwand eine Steinlage aus Bruchsteinen beobachtet, auf der eine Schotterschicht planiert war. Diese wird als Überrest einer vorbeiführenden römischen Straße gedeutet.

Funde und Ausstattung

Die keramischen Funde aus „Kohlers Eck“ sind vielfältig und stammen überwiegend aus dem fortgeschrittenen 2. Jahrhundert n. Chr. Sie umfassen sowohl feine als auch grobe Gebrauchskeramik:

  • Feinkeramik (Terra Sigillata):
    • Reliefverzierte Schüsseln , darunter Stücke des Töpfers Januarius I aus Heiligenberg und Rheinzabern
    • Konische Tassen
    • Teller
    • Glatte Sigillaten
  • Grobkeramik:
    • Becher und Vorratsgefäße
    • Schüsseln und Töpfe mit Horizontalrand, teils glatt, teils leicht gerillt
    • Formen, die auch aus der Benninger Töpferei in der Studionstraße bekannt sind

Die Nähe zur römischen Badeanlage im Bereich des Klosters Mariental – nur etwa 100 m entfernt – legt nahe, dass beide Fundstellen Teil eines zusammenhängenden Siedlungskomplexes waren.

Steinheim Murr, Marktstrasse

Im Bereich der heutigen Marktstraße in Steinheim an der Murr wurden über einen Zeitraum von fast hundert Jahren mehrere bedeutende römische Fundstellen entdeckt, die auf eine intensive Nutzung des Areals in der römischen Kaiserzeit hinweisen. Die Funde lassen sich mehreren Gebäuden und Strukturen zuordnen und geben Einblick in die Architektur, Heiztechnik und Alltagskultur der damaligen Zeit.

Hypokaustierter Raum mit Praefurnium

Bereits 1890 stieß man etwa 40 Meter östlich des Rathauses bei Ausschachtungsarbeiten auf einen rechteckigen Raum mit den Maßen 3,5 × 4,2 m. Die Mauern waren etwa 0,6 m stark und der Raum vollständig mit Versturzmaterial verfüllt. Besonders bemerkenswert war die Ausstattung mit einer Hypokaustheizung: Insgesamt 48 eckige Hypokaustpfeiler aus Sandstein mit einer Höhe von rund 0,55 m wurden dokumentiert. Einige dieser Pfeiler gelangten ins Museum von Backnang, andere wurden in der Krypta der Stiftskirche Oberstenfeld als Altarstützen wiederverwendet.

Der Fußboden des Raumes bestand aus großen, rechteckigen Steinplatten, die auf den Pfeilern ruhten. An der westlichen Mauer befand sich ein eingebauter, geschlossener Tonofen (praefurnium), gefertigt aus roten Sandstein- oder Ziegelplatten. Der vordere Teil des Ofens ruhte auf zwei runden Sandsteinsäulen. Von außen beheizt, führten mehrere Tonzüge in den Raum, dessen Wände zusätzlich mit tubuli ausgestattet waren – ein Hinweis auf eine kombinierte Wand- und Fußbodenheizung.

Urnenfund und Viergötterstein

Unweit dieser Heizraumstruktur wurde eine tönerne Urne mit Leichenbrand geborgen. Als Beigaben enthielt sie ein Glasfläschchen und drei Tonkrüge – ein typisches römisches Bestattungsensemble. Ebenfalls in der Nähe wurde bereits 1583 ein Viergötterstein entdeckt, der von Lucius Dubitatius Peregrinus, einem Veteranen der 24. Kohorte römischer Bürger, gestiftet worden war. Der Stein gehörte zu einer Jupitergigantensäule und stammt aus größerer Tiefe zwischen Brunnen und Rathaus.

Siedlungsschicht mit Keramikfunden

Bei Kanalisationsarbeiten im Jahr 1989 wurden in der Marktstraße 24 weitere römische Siedlungsspuren freigelegt. Aus einer Schicht, die nach der Mitte des 2. Jahrhunderts datiert, stammen zahlreiche keramische Lesefunde. Darunter befinden sich:

  • Terra Sigillata (TS):
    • Bilderschüssel aus der Töpferei Waiblingen
    • Teller
    • Reibschale
  • Gebrauchskeramik:
    • Diverse Schüsseln, Töpfe und Becher
    • Bruchstücke von Alltagsgefäßen

Die Fundschicht war von einer etwa 2,5 m hohen Auelehmablagerung überdeckt, die selbst keine weiteren Funde enthielt. Die Keramikfunde belegen eine kontinuierliche Nutzung des Areals und lassen sich gut in das Siedlungsbild des römischen Steinheim einordnen.

Fazit

Die Marktstraße in Steinheim war im 2. Jahrhundert n. Chr. Teil eines römischen Siedlungskomplexes mit gehobener Ausstattung. Der hypokaustierte Raum mit Praefurnium zeugt von fortschrittlicher Heiztechnik, während die Keramikfunde und Bestattungsobjekte auf eine vielfältige Nutzung des Areals hinweisen – von Wohnfunktion über Handwerk bis hin zu kultischen und funerären Praktiken.

Steinheim an der Murr, Industriestrasse

Im Jahr 1971 wurden bei Ausschachtungsarbeiten für das Abwasserhebewerk in der Industriestraße in Steinheim an der Murr Reste eines römischen Ziegelbrennofens entdeckt. Die Fundstelle lag in etwa 2,2 m Tiefe und befand sich in der Südwestwand der Baugrube. Obwohl der Ofen durch die Bauarbeiten teilweise zerstört war, konnte eine Hälfte des Brennofens weitgehend freigelegt und dokumentiert werden.

Ziegelbrennofen – Aufbau und Struktur

Von dem ursprünglich etwa 5,8 m langen und 1,2 m breiten Ofen waren die Seitenzüge und die Wandung einer Hälfte erhalten. Der Längskanal des Unterzugs, der Abzugskanal und der Heizraum waren hingegen bereits zerstört. Insgesamt wurden sechs Pfeilerreihen mit einer Breite von jeweils ca. 30 cm freigelegt. Die Pfeiler standen in einem regelmäßigen Abstand von 30 cm und waren rund 1,2 m hoch.

Über den Pfeilern befand sich eine Ziegeldecke mit einer Stärke von bis zu 25 cm. Diese bestand aus rechteckigen Lehmziegelstücken mit den Maßen etwa 40 × 16 × 15 cm. Die ersten vier Pfeilerreihen bestanden aus dickeren, gelb gebrannten Ziegeln, während die beiden folgenden aus rot gebrannten Ziegeln gefertigt waren. Ein weiterer, etwa 65 cm breiter Pfeiler aus schmalen, rot gebrannten Ziegeln bildete die Vorderwand des Ofens.

Die Wand des Ofens bestand aus einer 8 cm starken, hart gebrannten roten Lehmschicht. Die intensive Hitzeeinwirkung hatte den umliegenden Lössboden bis zu 2–3 cm stark gerötet – ein typisches Merkmal für Brennkammern. Vor dem Ofen, in einer Ecke der Baugrube, lag das Schürloch, das zur Befeuerung diente. Es ist möglich, dass sich hier ein weiterer Ofen abzeichnete, was auf eine größere Produktionsstätte hindeuten könnte.

Umfeld und Ausstattung

Auf Höhe der Ziegeldecke war um den Brennofen herum ein Steinpflaster aus Kieselsteinen angelegt. Nach Angaben der Bauarbeiter reichte dieses Pflaster bis an das Ufer der Murr. Dies spricht für eine gezielte Infrastruktur zur Materiallagerung oder zum Abtransport der gebrannten Ziegel, möglicherweise per Schiff oder Wagen.

Steinheim an der Murr, Steinäcker

Im Gewann „Steinäcker“ in Steinheim an der Murr wurden bei mehreren archäologischen Maßnahmen zwischen 1926 und 1963 römische Baustrukturen freigelegt, die auf einen ausgedehnten Gutshof (villa rustica) mit angeschlossenen Werkstätten und möglicherweise kultischen Einrichtungen hindeuten.

Ziegelbrennofen

Bei Ausschachtungen im Jahr 1961 wurde ein außergewöhnlich gut erhaltener Ziegelbrennofen entdeckt. Der Ofen war rund 2,3 m tief in den Lösslehm eingelassen und besaß einen runden Brennrost mit 3,3 m Durchmesser. Die Konstruktion bestand aus mehreren Lagen Ziegelplatten, teils durchlocht, die zwischen sechs quer zum Heizkanal gelegten Unterzügen lagen. Diese bestanden aus getrockneten Lehmziegeln und trugen eine 2 cm starke, grau verbrannte Lehmschicht.

Die gewölbeartige Überbrückung über dem Heizkanal war bei drei Querrippen eingebrochen und wurde mit keilförmigen Tonziegeln ausgebessert. Der Feuerraum war 0,85 m breit und 1,0 m hoch, die Schüröffnung wies ein spitz zulaufendes Gewölbe auf. Die Heizgrube davor war mit Schlacken, Holzkohle und Fehlbränden gefüllt. Zwei quadratische Steinblöcke mit Aussparungen deuten auf eine hölzerne Konstruktion hin – möglicherweise ein angrenzendes Gebäude.

Hofmauer und Werkbereich

Der Brennofen lag innerhalb einer Hofmauer, die zu einer villa rustica gehörte. Die Mauer verlief aus nordwestlicher Richtung und bog südlich des Ofens nach Osten ab. Sie war etwa 0,8 m stark und konnte auf einer Länge von 75 m dokumentiert werden. Das Fundament bestand aus trocken gesetzten Kalkbruchsteinen. Etwa 2 m außerhalb der Hofmauer wurde ein weiteres, 5 m langes Mauerstück entdeckt, das parallel zur Straße verlief.

Sechs Gruben im Bereich des Gutshofes enthielten Ziegelreste, Steinmaterial und Keramikscherben.

Kleines quadratisches Gebäude

Bei Planierungsarbeiten für den Schul-Sportplatz wurden 1963 etwa 40 m nordwestlich des Brennofens weitere Mauerreste eines kleinen, nahezu quadratischen Gebäudes freigelegt (Maße ca. 4,75 × 5,25 m). Das Fundament bestand aus zwei bis drei Lagen handquadergroßer Kalkbruchsteine in Kalkmörtel und war direkt in den Lehm eingebettet. Eine vorgelagerte zweite Mauer an Nordost- und Südostseite könnte auf einen Tempel hindeuten – ein Bau der in römischen Villen häufig innerhalb der Hofmauer zu finden ist.

Keramikfunde

Die geborgene Keramik stammt überwiegend aus dem fortgeschrittenen 2. und der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts und besteht größtenteils aus grober Gebrauchskeramik. Darunter befinden sich:

  • Teller mit einziehendem Rand
  • Schüsseln mit Deckelfalz und gerilltem Horizontalrand
  • Töpfe, Deckel, Reibschalen und verschiedene Krüge
  • Ein Terra-Sigillata-Teller

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