Villa Rustica, Grossbottwar

Quelle: https://www.roemerkeller-oberriexingen.de/index.php?id=ziegel

🏛️ Römischer Gutshof „Mäurach“ – Überblick

Der römische Gutshof im Gewann „Mäurach“ bei Großbottwar im Landkreis Ludwigsburg ist eine Villa rustica, die bedeutende archäologische Funde hervorgebracht hat. Sie liegt wie viele Gutshöfe in unserer Region in der Nähe zweier sich vereinigender Wasserläufe. Bereits 1710 wurde im Hof des Großbottwarer Schlösschens ein Inschriftenstein entdeckt, der ursprünglich vermutlich einen kleinen Tempel zierte und dem Götterpaar Apollo und Sirona gewidmet war. Der Stein wurde von Gaius Longinius Speratus gestiftet und diente später als Abdeckung einer steinernen Kanalisation.

Im Jahr 1926 legte der Archäologe Oscar Paret bei Ausgrabungen drei Räume eines Badegebäudes frei, darunter ein gut erhaltenes Kaltwasserbecken und ein gemauerter Kanal. Dabei wurden Ziegel mit dem Stempel „GLSP“ gefunden, was auf den Stifter Speratus hinweist. Die Gebäude stammen aus der Zeit zwischen 160 und 230 n. Chr. Weitere Untersuchungen im Jahr 2002 lokalisierten die Fundamente der Steinbauten, und 2013 wurden Reste eines Ziegelbrennofens entdeckt, in dem ebenfalls GLSP-Ziegel verbaut waren. Um das Bodendenkmal für kommende Generationen zu sichern, kaufte die Stadt Großbottwar das Gelände 2017.

Vom Gutshof sind bislang ein Wohngebäude, ein Badegebäude und ein Ziegelbrennofen bekannt. Das Wohngebäude liegt am höchsten Punkt der Anlage, das Badegebäude darunter, möglicherweise als Teil eines größeren Hauptbaus, und der Brennofen am tiefsten Punkt. Vermutlich gehörten weitere Wirtschaftsgebäude aus Holz sowie ein kleiner Tempel zur Anlage, dessen Standort bisher nicht gefunden wurde. Man vermutet ihn in der Nähe einer Quelle. Im Inneren des Heiligtums könnten Statuen oder Reliefs der verehrten Gottheiten gestanden haben. Die Funde geben wertvolle Einblicke in das römische Leben und die religiöse Praxis in der Region.

👨‍🏭🛠️ Der Besitzer und sein Handwerk:

Gaius Longinius Speratus, ein Veteran der 22. Legion in Mainz, ließ sich nach 25 Dienstjahren vom Kaiser mit Grundbesitz in Großbottwar beschenken, den er stolz als „in suo“ – in seinem Eigentum – bezeichnete. Auf diesem Land errichtete er einen Tempel, der den Heilgöttern Apollo und Sirona geweiht war. Die prächtige Weiheinschrift, vermutlich über dem Eingang angebracht, zeugt von einem zuvor abgelegten Gelübde, das Speratus im Jahr 201 n. Chr. „froh und freudig nach Gebühr“ einlöste, als Mucianus und Fabianus Konsuln in Rom waren. Die Gründe für das Gelübde lagen vermutlich in gesundheitlichen Sorgen, entweder für ihn selbst oder seine Familie. Mit seiner Frau Junia Deva hatte er vier Kinder: Pacatus, Martinula, Hilaritas und Speratianus.

KI Bild zur Inspiration

Speratus war nicht nur Tempelstifter und Villenbesitzer, sondern auch Produzent und Händler von Ziegeln, die mit seinem Kürzel „CLSP“ gestempelt waren. Die Wahl der Gottheiten – Apollo als römischer Heilgott und Sirona als keltische Heilgöttin – spiegelt seinen keltischen Hintergrund und die religiöse Toleranz der römischen Kultur wider, die auch nach jahrzehntelanger Romanisierung die Verehrung vorrömischer Gottheiten zuließ.

Großbottwar lag verkehrsgünstig zwischen Weinsberg und Walheim, mit Entfernungen von 10 bzw. 17 Kilometern – eine Tagesleistung für ein Fuhrwerk. Über die Wasserwege Murr und Neckar verlängerten sich die Strecken auf 25 bzw. 60 Kilometer, was für den Transport schwerer Baumaterialien wie Ziegel vorteilhaft war. Nach der Aufgabe des Kastells in Walheim um 150 n. Chr. endete die militärische Versorgung mit Ziegeln durch die Legionen aus Mainz und Straßburg, sodass Speratus vermutlich die zivile Siedlung mit Baumaterial belieferte.

In der mittleren Kaiserzeit wandelte sich die wirtschaftliche Struktur: Handwerkliche Produktion auf Gutshöfen gewann neben der Landwirtschaft an Bedeutung und entwickelte sich vom Selbstversorgungszweck zum Nebengewerbe. In der Spätantike verlagerte sich der wirtschaftliche Schwerpunkt zunehmend von Städten und Dörfern auf große Landgüter. Dies führte zu einem Rückgang der städtischen Bedeutung, einer Verkleinerung der Siedlungen und zum Verfall monumentaler Architektur. Der Bezug von Ziegeln aus Gutshöfen wie dem von Speratus – trotz eigener Töpfereien in Walheim – belegt diesen Wandel. Vergleichbare Entwicklungen zeigen sich auch bei Publius Attius Rufinus in Heidelberg-Neuenheim und bei den LPL-Ziegeln aus Stettfeld, deren Verbreitung zwischen Bruchsal und Stettfeld lag.

Quellen:

https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fbbw/article/view/48276, Römerkeller Oberriexingen, Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Gaius_Longinius_Speratus, https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/article/view/77043/70901

Heute vor Ort:

Heute präsentiert sich der Ort des ehemaligen römischen Gutshofs auf den ersten Blick eher unspektakulär. Die einst freigelegten Überreste wurden nach den Ausgrabungen durch Oscar Paret wieder sorgfältig zugeschüttet, um sie vor Witterung und Zerstörung zu schützen. Heute liegt das Gelände eingebettet bei einem Regenrückhaltebecken am Rand eines Industriegebiets – eine Umgebung, die kaum erahnen lässt, welch historische Bedeutung hier verborgen liegt.

Der nahegelegene Wüstenbach, dessen schlammiges Bett meist unscheinbar wirkt, offenbart an einigen Abschnitten über mehrere Meter hinweg auffällig viele Steine – ein möglicher Hinweis auf einstige bauliche Aktivitäten. Selbst auf einer frisch gezackerten Rasenfläche treten immer wieder Steine zutage, die in der restlichen Umgebung nicht zu finden sind.


Entdecke mehr von Vicus Murrensis

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Kommentar zu “Villa Rustica, Grossbottwar

Hinterlasse einen Kommentar

Entdecke mehr von Vicus Murrensis

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen