Römisches Siedlungsgebiet, Marbach am Neckar

Topographie

Die Stadt Marbach an der Murr (Landkreis Ludwigsburg) liegt an einem markanten Punkt der Landschaft: Am rechtwinkligen Vereinigungspunkt von Neckar- und Murrtal erhebt sie sich auf einer Hochfläche, 229 m über NN.

Einmündung der Murr in den Neckar

Die Gemarkung reicht bis zu den Lössflächen am Rand der Backnanger Bucht. Die Lage zwischen Flussübergängen, Terrassen und Hanglagen machte das Gebiet für die Römer strategisch interessant – sowohl für landwirtschaftliche Nutzung als auch für Handel und Transport über Wasser und Strassen in Richtung des Limes bis Murrhardt.

Römische Siedlungsfunde

Gewann „Au“

Bereits Ende des 16. Jahrhunderts wurden hier Gebäudereste entdeckt. Besonders eindrucksvoll war ein hypokaustierter Raum mit 32 erhaltenen Pfeilern, Münzfunden und einer Statue der Siegesgöttin Victoria. Die Funde belegen eine größere Anlage, möglicherweise ein repräsentatives Gutshaus oder ein Verwaltungsbau. Später kam eine bronzene Schmucknadel mit Hahnaufsatz hinzu. Die Vielzahl der Befunde deutet auf eine dichte Bebauung hin. Hinweise auf Töpfereien und eine Hafenanlage lassen vermuten, dass hier nicht nur gewohnt, sondern auch produziert und gehandelt wurde.

Die Au von heute ist gewiss nicht mehr jene ursprüngliche Landschaft, die sie einst vor langer Zeit gewesen ist. Der Neckar wurde in ein künstlich gezwungenes Flussbett gedrängt. Wo früher wohl Auenwälder und Wiesen das Bild prägten, erhebt sich nun ein Wohnhaus, flankiert vom weitläufigen Komplex der Kläranlage, der das Gewann dominiert.

Auf dem einzigen noch zugänglichen Acker jedoch bleibt die Suche nach Spuren vergeblich – keine Funde lassen sich dort ausmachen.

Gewann „Mäurich“ und „Lug“

In diesen Fluren fanden sich Mauerreste, Münzen und Keramik. 1934 stieß man beim Straßenbau auf römische Keramik, 1938 wurde ein Urnengrab mit Leichenbrand geborgen. Die Nähe zur Murrmündung lässt ein Gräberfeld vermuten. Damit wird deutlich, dass die Römer hier nicht nur siedelten, sondern auch ihre Toten bestatteten.

Auch im Mäurich und im Lug lässt sich heute nichts Ursprüngliches mehr entdecken. Stattdessen prägen Schrebergärten und gepflegte Weinberge das Bild. Die oberen Ackerflächen zeigen sich fundleer – keine Spur vergangener Zeiten tritt hier zutage.

Doch wer damals von den Höhen hinabblickte, dem eröffnete sich ein eindrucksvolles Panorama: Der Blick schweifte über die Murrmündung, hin zur Siedlung in der Au und weiter bis zum Kastell von Benningen. Strategisch ein ziemlich vorteilhafter Punkt.

Gewann „Alter Markt“

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden hier Fundamente römischer Gebäude entdeckt, nahe der Römerstraße nach Murr. Überlieferungen sprechen sogar von einer „Stadt“, die an dieser Stelle gestanden haben soll. Ob es sich um eine größere zivile Ansiedlung oder einen Vicus handelte, bleibt offen, doch die Lage an der Straße deutet auf eine wichtige Funktion im Verkehrsnetz hin.

Wo sich vermutlich einst die Flur „Alter Markt“ erstreckte, liegt heute der Friedhof der Stadt Marbach. Ruhig und von Wohngebieten umgeben. Keine oberirdischen Funde lassen sich ausmachen.

Gewann „Burg“

1898 kamen Mauern, Estrichboden, bemalter Wandputz und ein Säulenbruchstück zutage. Diese Funde gehören zu einer villa rustica, einem römischen Gutshof. Solche Anlagen dienten der landwirtschaftlichen Produktion und Versorgung der Region.

Mehr Informationen im separaten Artikel hier.

Häldenmühle (Klärwerksbereich)

Ab 1968 wurden beim Bau großflächig römische Mauern und Kulturschichten angeschnitten. Fehlbrände und Ascheansammlungen weisen auf Töpfereien hin. Besonders bedeutend ist die Entdeckung einer Kaianlage mit dendrochronologisch datierten Eichenbalken (um 100–107 n. Chr.). Lederne Sandalen und Holzreste im alten Murrbett belegen die Nutzung des Flusses. Vermutlich befand sich hier eine Handelsniederlassung mit Lagerhallen und Betrieben für Ziegel, Holz und Stein. Die Lage in der hochwassergefährdeten Flussaue spricht gegen eine villa rustica und für eine spezialisierte Hafensiedlung.

Kultische und epigraphische Zeugnisse

Mehrere Weihesteine belegen die religiöse Dimension der Siedlung. Sie waren Minerva, Diana und dem Genius der Schiffergilde geweiht. Ein Altar des Kaufmanns Lucius Licinius Divixtus erinnert an einen überstandenen Schiffbruch. Diese Funde deuten auf einen Weihebezirk an der Murrmündung hin. Die Vielzahl der Denkmäler zeigt, dass hier nicht nur Handel, sondern auch religiöses Leben stattfand – eng verbunden mit der Schifffahrt und den Gefahren des Flusses.

Weitere Fundorte

Datierung und Bedeutung

Die frühesten Funde stammen aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, darunter Sigillaten aus Banassac. Die Blütezeit setzte in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts ein. Der Hafen an der Murrmündung entstand wohl zeitgleich mit dem Kastell Benningen und diente der Versorgung der dort stationierten Truppen.

Die Vielzahl der Gebäude, Betriebe und Kultstätten spricht dafür, dass es sich nicht um einzelne Gutshöfe, sondern um einen geschlossenen Siedlungsbereich beiderseits der Murrmündung handelte. Dieser Bereich ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der inschriftlich belegte Vicus ad Murram – eine römische Siedlung mit Hafen, Töpfereien, Kultbezirk und enger Verbindung zum Neckarlimes.

Quellen: Vicus ad Murram Dr. Wagschal, Webseite Rom in Deutschland, Wikipedia Alexanderkirche Marbach, Wikipedia Schiffsunglück Marbach Weihestein


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