Römisches Siedlungsgebiet , Kirchberg Murr (Untere Au)

Quelle: Backnanger Jahrbuch 1993/94 Band 2

In der Flur „Untere Au“ auf der Markung Kirchberg/Murr gibt es Hinweise auf eine ehemalige römische Villa. In heißen Sommern sind im Gelände Streifen zu sehen, die auf unterirdische Mauern hinweisen. Augenzeugen berichten von Funden wie Mörtelmauern und Steinen im Untergrund.

1924 berichtete Oberlehrer Forstner von archäologischen Entdeckungen in diesem Gebiet, darunter Überreste von Mauern. Eine spätere Begehung durch Schäfer Götz und Landwirt Wilhelm Wagner bestätigte das Vorhandensein von Mauerzügen und Steinen. Weitere Untersuchungen und Grabungen fanden Ziegelbruchstücke und Mörtel im Boden, was auf eine größere Siedlung hindeutet.

Die Flur „Untere Au“ liegt 1,5 km nordwestlich von Kirchberg im Murrtal, zwischen der Kreisstraße 540 und der Murr. Es gibt Anzeichen, dass die Siedlungsreste sich nordöstlich der Straße fortsetzen könnten, obwohl oberirdisch keine Spuren mehr zu finden sind.

1968 fanden Begehungen durch Archäologen statt die folgende Funde machten.

Bei den Stichgrabungen 1968 wurde direkt unter der Pflugsohle dichter Mauerschutt und Ziegelbruch gefunden, vermischt mit Mörtel. Das Graben mit dem Spaten war deshalb fast unmöglich. Auf Parzelle 4651 dominierten Ziegelbrocken, während auf Parzelle 4655 der Mörtel am auffälligsten war.

Erstaunlicherweise wurden auch Keramikreste gefunden:

  1. Parzelle 4651: Zwei kleine Bauchscherben und zwei Topfränder aus grauem Ton.
  2. Parzelle 4655: Mehrere kleine Bauchscherben, zwei größere Bauchscherben von Kochtöpfen, ein Fußstück von einem flachen Gefäß, ein Boden- und Wandstück eines schwarz gefirnißten Tellers, ein geschweiftes Randstück eines dünnwandigen Gefäßes und ein kleines Stückchen Terra Sigillata.

Diese Funde zeigen die Reste einer früheren Siedlung oder eines Gebäudes.

Neue Ausgrabungen:

Die Entdeckungen rund um die römische Siedlung bei der „Häldenmühle“ und entlang der Murr bieten einen faszinierenden Einblick in das Leben und die Infrastruktur zur Zeit der Römer. Nachfolgend eine detailliertere Darstellung der Funde und ihrer möglichen Bedeutung:

Mauerstrukturen und Gebäude

Während der Verlegung der Abwasserleitung 1968 wurde eine beeindruckende, bis zu 1,20 Meter hoch erhaltene Mauer entdeckt, die aus sorgfältig vermörtelten Kalksteinen bestand. Diese Mauer markierte offenbar die östliche Grenze eines Gebäudekomplexes. Sie ruhte auf einem stabilen Fundament aus Sand- und Kalksteinbruch und zeigt die fortschrittlichen Bautechniken der Römer.

Zusätzlich wurden entlang der Leitung südlich dieses Bereiches Mauern und Schichten gefunden, die römisches Alltagsmaterial wie Keramik, Glas und Metall enthielten. Diese Entdeckungen deuten darauf hin, dass die Gebäude vielfältigen Zwecken dienten, etwa als Werkstätten, Wohnhäuser oder Lagerstätten.

Besonders erwähnenswert sind die Entdeckungen entlang einer kleinen Terrasse oberhalb der Mauern. Hier verlief ein Weg, und mehrere Gebäude wurden angeschnitten, die jeweils in regelmäßigen Abständen von sechs bis acht Metern lagen. Diese regelmäßige Anordnung spricht für eine durchdachte und geplante Bebauung.

Hafenanlage und Flussnutzung

Besondere Bedeutung kommt der entdeckten Kaianlage am Fluss Murr zu. Die Mauer aus großen Kalksteinen war akribisch vermörtelt und erstreckte sich entlang des Flusses. Im alten Flussbett der Murr wurden hölzerne Pfähle gefunden, die vermutlich Teil einer Uferbefestigung oder Anlegestelle waren. Diese Funde unterstreichen, dass die Murr nicht nur als natürliche Grenze, sondern auch als wichtiger Transportweg genutzt wurde.

In den Sedimentschichten des Flussbettes fanden sich zudem organische Materialien wie lederne Sandalen und Hölzer, die durch das feuchte Umfeld hervorragend konserviert wurden. Solche Funde sind äußerst selten und liefern wertvolle Einblicke in den Alltag und die Infrastruktur der damaligen Zeit.

Handwerk und Produktion

Hinweise auf eine Töpferei wurden durch Fehlbrände und Ascheschichten in der Nähe der Mauern gestützt. Die Produktion von Keramiken war in römischen Siedlungen weit verbreitet und ein essenzieller Bestandteil des alltäglichen Lebens. Neben der Töpferei könnten auch andere Handwerksbetriebe wie Ziegelproduktion oder Holzverarbeitung in dieser Siedlung ansässig gewesen sein.

Die Nähe zu Steinbrüchen und Handelswegen lässt vermuten, dass Baumaterialien wie Holz, Steine und Ziegel hier gelagert und weiterverarbeitet wurden. Diese Werkstoffe konnten mithilfe der Kaianlage transportiert und über die Murr und die angrenzenden Straßen in die umliegenden Regionen verschickt werden.

Kulturelle und religiöse Bedeutung

Die Entdeckung von Weihesteinen, darunter ein Stein, der dem Genius einer Schiffergilde gewidmet war, und ein Altar eines Kaufmanns, der nach einem überlebten Schiffbruch gestiftet wurde, zeugen von der kulturellen und religiösen Bedeutung der Region. Diese Funde belegen nicht nur die Präsenz einer Handelsgemeinschaft, sondern auch die spirituelle Verbundenheit der Bewohner mit ihrem Lebensraum und ihrer Tätigkeit.

Fazit

Die römische Siedlung bei der „Häldenmühle“ und „Untere Au“ war weit mehr als ein bloßer Wohnort. Ihre Lage an der Murr und ihre Infrastruktur – darunter Gebäude, Kaianlagen und Handwerksbetriebe – zeigen, dass sie ein bedeutendes Handels- und Produktionszentrum war. Die Vielzahl an Funden, von sorgfältig errichteten Mauern über organische Materialien bis hin zu religiösen Artefakten, bietet ein vielfältiges Bild des römischen Lebens und verdeutlicht die strategische Wichtigkeit dieser Region.

Auch wenn viele dieser Funde heute unter Rasenflächen verborgen liegen, bleibt die Siedlung ein eindrucksvolles Zeugnis der römischen Präsenz und ihrer ingenieurstechnischen Fähigkeiten. Weitere Forschungen könnten noch mehr über die genaue Ausdehnung, Nutzung und Bedeutung dieser römischen Siedlung ans Licht bringen.

Quelle: vici ad Murram Untersuchung der römischen SiedlungsbereicheBenningen, Marbach, Murr, Steinheim und Freiberg

Vor Ort heute:

Auch heute finden sich am nordöstlichen Rand des Ackers noch viele Keramikbruchstücke. Es gibt im Vergleich zu anderen Orten auch sehr große Keramikstücke.


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